Ist das Kielmannsecksche Altarbild im Schleswiger Dom,
1664 gemalt von Jürgen Ovens,
ein pädophil inspiriertes Kunstwerk?

von Falk Ritter am 17.4.2026, update vom 18.4.2026

Nachtrag am 3.8.2026 siehe unten



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Constanze Köster schrieb in ihrer 2017 veröffentlichten Dissertation: 1)

"Bisher wurde er [der Altar] ikonographisch kaum näher untersucht, eine ausführliche Deutung des komplexen Bildprogramms fehlt. Dabei zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass das Werk die Einflussnahme des Auftraggebers und seine komplexen Vorstellungen so eindrücklich widerspiegelt, wie dies sonst selten der Fall ist. Die goldene Inschrift des Gemäldes gibt den Auftraggeber Johann Adolph Kielmann von Kielmannseck an. Geweiht ist das Retabel der Heiligen Trinität.
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Bemerkenswert am Gemälde des Kielmannseckschen Altars ist, dass es sich aus vielen Einzelbildern und somit Bildern im Bild zusammensetzt. Damit wird eine Vielzahl von Bedeutungen und Bezügen geschaffen, die auf den ersten Blick jedoch schwer im ganzen Umfang gedeutet werden kann.
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Vielmehr ist davon auszugehen, dass Kielmannseck dem Maler dezidiert vorgab, wie er sich seinen Altar vorstellte. Dafür spricht auch die Komposition in ihrer Dreiteiligkeit, deren Ebenen keine rechte Verbindung eingehen. Man kann sich vorstellen, dass Ovens eine Art Liste mit allen Motiven erhielt, die untergebracht werden mussten."

Frau Kösters Promotionsbetreuer Prof. Christoph Jobst schrieb in seinem Vorwort dazu:

"Auch schlägt Frau Köster für das durchaus schwierige ikonographische Programm des für den Gottorfer Kanzler Johann Adolph Kielmann von Kielmannseck geschaffenen Schleswiger Altars eine nachvollziehbare, plausible Lesart vor."

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Jürgen Ovens und Johann Adolph Kielmann von Kielmannseck

Interpretation des Verfassers Ritter:
Der Titel "Der Sieg des Christentums über die Sünde und den Tod" wurde dem Bild 1841 von Johannes von Schröder verliehen. 2) Die ikonographische Widmung der Heiligen Trinität "das Auge Gottes im Dreieck" in dem großen Kreuz ist so unauffällig angebracht, dass man sie nicht ohne Hilfe entdecken kann.

Das Bild wird von einem schwarz gewandeten missmutig dreinblickendem Putto dominiert, der ein Kreuz trägt und 4 große Nägel präsentiert. Es kann nicht das Kreuz von Jesus sein, weil es zu klein ist und die Löcher für die Nägel fehlen. Außerdem ist Jesus bereits auferstanden, wie in einem kleinen "Bild im Bild" zu sehen ist.

Schaut man sich das Bild weiter an, so fällt insbesondere die hohe Anzahl von Putti, teilweise nackten männlichen Kleinkindern, auf, die das Gemälde dominieren. Normalerweise dienen Putti dekorativen Zwecken, aber hier scheinen sie das Hauptmotiv zu sein. Der oberste, völlig unbekleidete Putto mit entblößtem Penis verdient dabei eine besondere Beachtung, denn das Lecken an der Oberlippe erweckt einen lüsternen Eindruck.

Die alleinige Betrachtung des Altarbildes genügt hier nicht, um es logisch zu deuten. Deshalb müssen andere Werke als Vergleich mit herangezogen werden.

Die Analyse der Bilder in Kösters Buch ergab, dass Ovens häufiger nackte Kinder und Putti malte, was aber nicht außergewöhnlich war.

Ein Vergleich mit anderen Kunstwerken, besonders den 37 Epitaphe im Schleswiger Dom, ergab folgendes Ergebnis:
- 14 enthalten keine nackten Personen.
- 4 zeigen den entblößten Jesus.
- In 10 Epitaphe sieht man Frauen "oben ohne".
- In 16 Epitaphe werden teilweise nackte Putti dargestellt.
- In 2 Epitaphe (Kielmannseck und Schacht) werden Putti mit Penis gezeigt. Bei Kielmannseck zeigen 7 von 10 ihren Penis, bei Schacht alle 6.
- Des Weiteren steht im Dom eine Bronzetaufe, die 1480 von Laurentius Leve gestiftet wurde. 3) Im Jahre 1666 gab Kielmannseck den Auftrag, die vier Tragefiguren dieses Beckens, welche Heilige darstellten, gegen vier vollkommen nackte Putti mit umgehängten Wappenschildern auszutauschen.

Weil es auch dem Verfasser nicht gelang, in den religiösen Elementen des Bildes ein übergeordnetes Thema zu erkennen, kommt er zu dem Schluss, dass Kielmannseck möglicherweise homosexuell-pädophile Phantasien hatte, die er im Altarbild durch Jürgen Ovens malen ließ.
Mit dem Einstreuen von religiösen Motiven kaschierte er wohl seine sexuelle Orientierung. So gesehen repräsentiert der nackte Putto oben seine verbotene Neigung. Darunter stellt der schwarz gekleidete Putto mit dem unzufriedenen Gesichtsausdruck sein "Alter Ego" (= das 2. Ich), nämlich sein schlechtes Gewissen, dar.



Putti im Ovens-Bild



Putto im Kielmannseck-Epitaph



Putti unterm Taufbecken

Conclusio:
In der Renaissance und Barockzeit galten solche Darstellungen als unverfänglich. Kielmannseck war zwar verheiratet und zeugte 8 Kinder, aber seine zahlreichen Putti-Darstellungen erwecken den Verdacht, dass er insgeheim eine homosexuell-pädophile Neigung hatte, die ihm ein schlechtes Gewissen bereitete, dem er mit dem dunkel gekleideten Putto eine Gestalt verlieh. Sein von Reue beseeltes zweites Ich 4) ergriff Kreuz und Nägel und bot an, sich wegen seines sündhaften Verlangens nach kleinen Jungen kreuzigen zu lassen. Damit trat Kielmann in die Fußstapfen von Flagellanten, die sich selbst geißeln, um auf diese Weise Buße zu tun und sich von begangenen Sünden zu reinigen. Der Verfasser würde diesem Altarbild darum folgenden Titel geben:

"Die Selbstkasteiung des Johann Adolph Kielmann von Kielmannseck"

Nachtrag Eilhardt Schacht:
Zwischen Schacht und Kielmannseck gibt es interessante Parallelen:
- Eilhardt Schacht war Sekretär in der Kanzlei von Kielmannseck.
- Die Putti in den Epitaphe von Schacht und Kielmannseck sind nahezu identisch, was sowohl ihre Marterwerkzeuge als auch die entblößten Geschlechtsteile anbelangt. Hier war wohl der gleiche Bildhauer tätig.
- Das Kielmannsecksche Altarbild und die beiden Porträts im Schachtschen Epitaph stammen von Jürgen Ovens.
- Kielmannseck starb 1676 und Schacht 1677. Ihre Epitaphe entstanden 1673.
- Zwischen ihnen muss somit eine engere Beziehung bestanden haben.

Nachtrag über sonstige Bildelemente:
- Eine Frau im blauen Kleid und ein Putto lesen in ihren Büchern.
- Rechts oben spielt die hl. Cäcilia Orgel.
- Rechts unten Kopf und Schwanz einer Schlange, von Flammen umgeben.
- 3 "Bilder im Bild" mit den Themen Sündenfall im Garten Eden, Jesu Geburt und Auferstehung.
- Diese Bildelemente sind wild eingestreut und können nach Ansicht des Verfassers weder mit den Putti noch mit dem "ungenagelten" Kreuz in Beziehung gesetzt werden.
- Von Schröders Titel "Der Sieg des Christentums über die Sünde und den Tod" ist nur teilweise zutreffend. Ein "Bild im Bild" zeigt zwar die Auferstehung von Jesus. Aber es fehlt eine allegorische Darstellung von "Sieg über die Sünde". Der Klassiker dafür war "Maria zertritt den Kopf der Schlange" 1. Mose 3, 15.

Nachtrag am 3.8.2026
während seiner Inhaftierung in Copenhagen und kurz vor seinem Tode erhielt Kielmann von einem Freund ein Sendschreiben, in dem die Gründe für seine Inhaftierung dargelegt wurden. 5)
Kurz gefasst, warf man ihm politisches und finanzielles Fehlverhalten vor.
Die Themen Pädophilie und Homosexualität wurden nicht einmal angedeutet.
Daraus schließt der Verfasser, dass Kielmann diese Neigungen zwar in seiner Phantasie, aber nicht in der Wirklichkeit ausgelebt hatte.

Anmerkungen:
1) Köster, Constanze: Jürgen Ovens (1623-1678): Maler in Schleswig-Holstein und Amsterdam. Imhoff, Petersberg 2017, S. 8, 9, 248-251.
2) Neues Staatsbürgerliches Magazin röm I. 1841, S.646.
3) Ellger, Dietrich: Der Dom. 1966, S. 344ff. Freundlicher Hinweis von Frau Ursula Gehrmann, Friedrichstadt.
4) Nach Sigmund Freud würde der lüsterne Putto das "Es" und der dunkle Putto das "Über-Ich" darstellen. Siehe Sigmund Freud: "Das Ich und das Es".
5) Send = Schreiben Eines Dännemärckischen von Adel / an seinen guten Freund in Deutschland DES Fürstl. Schleswig = Holstein = Gottorfischen Regierungs= Präsidenten Johann Adolff Kielmans von KielmannsEck / und seiner dreyen Söhne gefängliche Hafft betreffent. Gedruckt im Jahre 1676

Bildernachweis:
Jürgen Ovens und Kielmannseck: WIKIPEDIA.
Die Links zu den Bildern führen zum Marburger Bilderarchiv.
Alle anderen Bilder: Der Verfasser.





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