Die Auflösung des Rätsels um die Säulenfiguren am Bordesholmer Altar:
Abram und Hagar

von Falk Ritter

Veröffentlicht in: Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 2019, Seite 205 bis 2010

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Abb. 0: Bordesholmer Altar, links und rechts davon die beiden Säulenfiguren



Abb. 1: Männliche Säulenfigur



Abb. 2: Weibliche Säulenfigur

Einleitung:
In seinem 2018 erschienen Beitrag "Die rätselhaften Säulenfiguren des Bordesholmer Altars. Eine Nachlese" stellte Paul Nawrocki verschiedene Autoren mit ihren Theorien zur Identität der Figuren vor. 1) Doch konnte auch er ihr Geheimnis nicht lüften. Im Schleswiger Dom werden sie als Augustus und Sibylle bezeichnet. Der Verfasser wurde bei seinen Recherchen auf eine Quelle aufmerksam gemacht, die der Suche nach den Namen der Säulenfiguren die entscheidende Wende gab. 2) Es ist ein Buch mit Beiträgen von Albrecht et. al., die sieben verschiedene Bilder der männlichen Säulenfigur enthalten, welche von ihrer jetzigen Erscheinung abweichen. 3) Kombiniert mit anderen Bildern und Berichten entstand daraus eine Zeitleiste, die hier nur mit ihren wichtigsten Auszügen wiedergegeben wird:
1823: Mann nur mit Turban von Carl Julius Milde, siehe Abb. 3
Vor 1937: Mann mit Turban, Zackenkrone, Spangenhelm 4), Reichsapfel incl. Kreuz siehe Abb. 4
Von 1823 bis 1950 wechselte die Kopfbedeckung mehrfach. Hier waren also mehrere Bilderstürmer am Werk. Wer das tat und warum es geschah, soll hier nicht Gegenstand der Erörterung sein.


Abb. 3: Älteste Darstellung der männlichen Säulenfigur (28.6.1823) von Carl Julius Milde; der Mann trägt nur einen Turban.



Abb. 4: Männliche Säulenfigur vor 1937 Man beachte den Reichsapfel mit Kreuz!

Welche Version hatte Brüggemann nun geschnitzt?
Version 1: "Alter Mann mit Turban, Zackenkrone, Spangenhelm und Reichsapfel incl. Kreuz" und eine Sibylle"
Es ist absurd, einen Turbanträger mit Zackenkrone (= Heidenkrone) und Reichsapfel incl. Kreuz auszustatten und ihn König Christian II., Herzog Friedrich I., Kaiser Augustus, König Salomon oder König David zu nennen. Das Kreuz wurde zwischen 1937 und 1950 entfernt. Die weibliche Säulenfigur wurde nie verändert. Einige Autoren sahen in ihr eine "Sibylle". Sibyllen waren vorchristliche Prophetinnen, die in der Bibel keine Erwähnung fanden. Ihr Erkennungsmerkmal war immer eine Schriftrolle oder ein Buch (sibyllinische Bücher), was der Schleswiger Säulenfigur fehlt.
Version 2: "Alter Mann mit Turban und junge Frau"
Für diese Prämisse gibt es zwei mögliche Entsprechungen in der Bibel:
a) König David und Abisag 5):
"Als aber der König David alt war und hochbetagt, konnte er nicht warm werden, wenn man ihn auch mit Kleidern bedeckte. Da sprachen seine Großen zu ihm: Man suche unserem Herrn, dem König, eine Jungfrau, die vor dem König stehe und ihn umsorge und in seinen Armen schlafe und unseren Herrn, den König wärme. Und sie suchten ein schönes Mädchen im ganzen Gebiet Israels und fanden Abisag von Sunem und brachten sie dem König. Und sie war ein sehr schönes Mädchen und umsorgte den König und diente ihm. Aber der König erkannte sie nicht." Die weibliche Säulenfigur kann dieser Rolle nicht gerecht werden, weil sie eine zu aufwändige Garderobe trägt. Abisag hingegen kann sich der Verfasser eigentlich nur in einem seidenen Nachthemd vorstellen.
b) Abram und Hagar 6)
Der 86jährige Abram war mit der 76jährigen Sarai verheiratet. Da er über fehlenden Nachwuchs klagte, schlug ihm seine Frau vor, seine ägyptische Sklavin Hagar zu schwängern. Die Bibel schreibt weiter:
"Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Und als sie nun sah, daß sie schwanger war, achtete sie ihre Frau gering gegen sie. Da sprach Sarai zu Abram: Du tust Unrecht an mir. Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben, nun sie aber sieht, daß sie schwanger geworden ist, muß ich gering sein in ihren Augen, Der Herr sei Richter zwischen mir und dir. Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tue mit ihr, wie dir´s gefällt. Da sie nun Sarai wollte demütigen, floh sie von ihr."
Bei genauer Betrachtung der weiblichen Säulenfigur 7) fällt ein kleiner Bauchansatz auf, der auf eine Schwangerschaft hindeutet 8). Hier passt jetzt alles zusammen: Ein alter Mann, der sehnsüchtig seine Hände dem ungeborenen Kinde (Ismael) entgegenstreckt. Und eine junge Sklavin, die einen gewaltigen sozialen Aufstieg erlebt, den sie mit prächtiger Kleidung und herrschaftlicher Geste unterstreicht. Doch ihre melancholischen Mienen zeigen, dass sie nicht glücklich sind. Abram trägt an seinen Händen sechs Fingerringe. Könnte dies ein versteckter Hinweis darauf sein, dass er Probleme wegen des 6. Gebotes hatte? 9) Die Skulpturen von Abram, Hagar und Brüggemann haben eine Gemeinsamkeit, nämlich die Panzerkette auf ihrer Brust, die bei keiner anderen Figur im Bordesholmer Altar zu sehen ist. Könnte auch dies ein verborgener Hinweis darauf sein, dass Brüggemann ein ähnliches Schicksal trug wie Abram?



Abb. 5. Hans Brüggemann

Säulenfiguren = Gedenksäulen
Eine Abbildung aus dem Jahre 1474 illustriert die Salbung Balduins IV. zum König von Jerusalem (1174). Die Szene spielte in einer gotischen Kirche. Im Hintergrund und vorne links sieht man acht große Säulen mit Figuren, die den Schleswiger Exemplaren auch größenmäßig sehr ähneln, wenn man von der bunten Bemalung einmal absieht.



Abb. 6: Salbung Balduins IV. von Jerusalem

Die Erklärung zu solchen Säulen findet man bei Braun: 10)
"Die Säulen, an denen das katapetasma [Vorhang] befestigt war, waren demnach entweder vier Säulen [mit Engeln], die eigens zum Aufhängen des Velums um den Altar herum errichtet waren, oder die diastyla [Zwischensäulen], welche das Bema, den Altarraum, vom Schiff der Kirche schieden und oben den mit den Bildern des Herrn, Marias, der hll. Engel, des hl. Johannes d. T. und anderer Heiligen geschmückten Gebieter trugen."
Es geht also in Schleswig nicht um Säulen, die Engel trugen und ein Fastentuch gespannt hielten, sondern um die diastyla, ein schwierig zu übersetzendes Wort, das vielleicht "Zwischensäulen" bedeutet. Braun machte sich in seinen Ausführungen darüber Gedanken, aber das Rätsel konnte er nicht so recht lösen, weil er sie selbst nie gesehen hatte, sondern nur "Simeon von Saloniki" zitierte. Der Verfasser glaubt die Auflösung gefunden zu haben: Er interpretiert die diastyla als Gedenksäulen. An wen oder was gedacht werden soll, erschließt sich aus dem hölzernen Portrait. Im Schleswiger Dom stehen also zwei Gedenksäulen. Es stellt sich die Frage, warum Brüggemann diese Säulenfiguren geschnitzt hat. Wollte er damit womöglich den eigenen ehelichen Konflikt, in den er geraten war, durch Sublimierung bewältigen? 11)

Abbildungsnachweis:
Abb. 0: Bordesholmer Altar, Abb. 1: Männliche Säulenfigur und Abb. 2: weibliche Säulenfigur. Gemeinschaftsarchiv Schleswig-Flensburg, Nachlass von Pastor Walter Körber.
Abb 3: Männliche Säulenfigur von Carl Julius Milde. Mit freundlicher Erlaubnis am 8.2.2018 von den Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus, Grafische Sammlung.
Abb 4: Männliche Säulenfigur mit Zackenkrone und Reichsapfel, vor 1937. Aufnahme-Nr. 89.003, Bildarchiv Foto Marburg, Genehmigung vom 8.2.2018.
Abb. 5: Hans Brüggemann: Ansichtskarte der Domgemeinde Schleswig. Abb. 6: Salbung von Balduin IV. von Jerusalem: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Français_5594,_fol._176v_haut,_Onction_de_Baudouin_IV.jpeg. 29.1.2018 130 Uhr.

Anmerkungen:
1) Nawrocki, Paul: Die rätselhaften Nebenfiguren des Bordesholmer Altars. Eine Nachlese. Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 63, 2018, Seite 119-131.

2) Dafür dankt der Verfasser seinem alten Freund Frieder Knüppel.

3) Uwe Albrecht, Gerhard Kaldewei, Hartmut Krohm, Uta Lemaitre und Ursula Lins: Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1996.

4) Der Spangenhelm unter dem Reichsapfel ist auf diesem Bild wegen der Perspektive nicht zu erkennen. Man sieht ihn aber sehr gut auf Abb. 1.

5) 1. Könige 1, 1-4.

6) 1. Mose 16. Die Namen Abraham und Sara erhielten sie erst in 1. Mose 17, 5 und 15.

7) Der Verfasser hatte die Gelegenheit, die Figuren aus der Höhe und Nähe zu betrachten, wofür er Pastor i. R. Reinald Schröder dankt.

8) Zweiter Hinweis von Frieder Knüppel. Ingrid Drebes wies den Verfasser darauf hin, dass es vor 500 Jahren zum Schönheitsideal gehörte, einen schwangeren Bauch zu simulieren. Eine scheinbare Schwangerschaft würde aber bei der Entschlüsselung der Identitäten genauso in die Irre führen wie die Heidenkrone mit dem Reichsapfel.

9) Abram konnte die 10 Gebote noch gar nicht kennen. Das 6. Gebot taucht erst im 2. Buch Mose 20, 21 auf. Aber das war Brüggemann wohl egal - wenn er es überhaupt wusste.

10) Braun, Joseph: Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung (Band 2): Die Ausstattung des Altars, Antependien, Velen, Leuchterbank, Stufen, Ciborium und Baldachin, Retabel, Reliquien- und Sakramentsaltar, Altarschranken - München, 1924, S.164.

11) "Sigmund Freud bezeichnete mit Sublimierung den Vorgang der Modifikation von Triebenergie in künstlerisch-schöpferische, intellektuelle oder allgemeiner in gesellschaftlich anerkannte Interessen, Tätigkeiten und Produktionen. Es kommt dabei zu einem Wechsel des Zieles (Objekts), auf das sich die Triebenergie ausrichtet". Quelle: WIKIPEDIA 12.12.2018 15.50 Uhr.