Die Entzifferung der Figuren im Goschhof-Retabel
von Falk Ritter
veröffentlicht im Jahrbuch der Heimatgemeinschaft Eckernförde 2019, Seite 49-55.

Abb 1: Das Goschhof-Retabel

Einleitung

In seiner 2004 erschienenen Dissertation beschrieb Bernd Bünsche das sog. Goschhof-Retabel. Dieses kann im Museum des Gottorfer Schlosses besichtigt werden. 1)
"Das Goschhof-Retabel befand sich im Besitz der Familie von Ahlefeldt und war in einer kleinen Kapelle des sogenannten Goschhofes in Eckernförde aufgestellt. Dieser Hof war ein Altersheim für Arme und wurde von dem Kleriker Gottschalk von Ahlefeldt im Jahre 1534 gestiftet, das Gebäude wurde 1578 neu errichtet und 1773 baulich erneuert." 2) "Das Goschhof-Retabel gelangte als Schenkung der Familie von Ahlefeldt 1880 in die Sammlung des Thaulow-Museums, welche nach dem Zweiten Weltkrieg durch Prof. Ernst Schlee in das Gebäude des ehemaligen herzoglichen Schlosses Gottorf nach Schleswig überführt wurde. 3)
Lt. Bünsche ist das Retabel ein Werk von Hans Brüggemann, der auch den Bordesholmer Altar schuf. 4) Dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass es in den Jahren 1512 bis 1517 entstanden war.

Abb. 2: Ausschnitt von Abb. 1

Die bisherigen Namen der Figuren im Retabel
Es gibt mehrere Deutungen für diese Figuren, wie Bünsche in seiner Zusammenstellung aufzeigt. 5) Der Verfasser hat die betreffenden Objekte im Bild nummeriert und listet im Folgenden die bisherigen Namensgebungen auf:
1 Jesusknabe, Engel, Putte, nacktes Kind
2 Baum des Lebens, Baum des Paradieses, "Wurzel Jesse" 6)
3 Joseph mit Hut in der Hand
4 Elisabeth, Anna, Sibylle, Tiburtinische Sibylle 7)
5 Zacharias, David, Kaiser Augustus
6 Joachim mit Hut in der Hand
7 Maria
8 vermutlich ehem. Jesusknabe, Johannesknabe
9 vermutlich ehem. Johannesknabe
10 Anna, Elisabeth
Zur Erklärung der Personen:
"Wurzel Jesse" ist der ikonographische Stammbaum Jesu.
Joseph war der Mann der Gottesmutter Maria.
Joachim und Anna waren die Eltern von Maria.
Elisabeth und Zacharias waren die Eltern von Johannes dem Täufer

Ulrike Wolff-Thomsen beleuchtete zwar in ihrer Rezension 8) die o. a. Deutungen, brachte aber keine neuen erhellenden Aspekte ein.
Der Verfasser musste feststellen, dass alle bisherigen acht Deutungen 9,10,11), die von elf Autoren stammen, unzutreffend sind, weil sie die deutlich sichtbaren Attribute der Figuren nicht berücksichtigen, was er mit dieser Analyse nun nachholt.

Abb. 3: Schirmakazie Acacia tortilis 12)

Der Baum
Wir kennen keine allgemein anerkannte Abbildung vom Baum des Lebens oder des Paradieses. "Jesse" war der Vater Davids, der als Wurzel diente, aus der der Stammbaum Jesu erwuchs. Ohne Jesse im Retabel ist auch diese Theorie hinfällig. 13) Dagegen hat der Verfasser einen Baum gefunden, der dem Baum im Retabel ähnlich ist und der in den Savannen Afrikas weit verbreitet ist, nämlich die Schirmakazie, siehe Bild 3. Die Akazie spielt in der Bibel eine herausragende Rolle. Aus ihrem Holz wurde die Bundeslade und zugehörige Kultgegenstände geschnitzt wie: Tragestangen, Trageringe, Tisch mit Tragestangen, Bretter für die Stiftswohnung, Riegel, vier Säulen, Altar und Räucheraltar. 14) In der ganzen Bibel wurde die Akazie nur in diesem Zusammenhang erwähnt.

Das Kind in der Baumkrone
Es wäre eine ungeheure Vernachlässigung der Aufsichtspflicht von Maria, wenn sie ihr Jesuskind hoch in einen Baum gesetzt hätte, um ungestört mit ihrer Mutter Anna oder Elisabeth zu plaudern. Deshalb kommt hier nur ein ungeflügelter Putto als Dekoration in Frage, wie er auf vielen Gemälden jener Zeit gang und gäbe war. Eine alternative Erklärung für das Kind im Baume soll aber nicht unerwähnt bleiben: 15)
"Kurz vor seinem Tode habe Adam seinen Sohn Seth ins Paradies gesandt, um einen Apfel vom Baum des Lebens zu erbitten. In dem Baum aber habe ein Knabe gesessen, von dem der an den Toren des Paradieses wachende Engel berichtete, daß dieser der Sohn Gottes sei, der die Sünden Adams und Evas beweine. Wenn aber die Fülle der Zeit gekommen sei, würde er das Öl der Barmherzigkeit sein, das ihnen versprochen wurde. Seth habe drei Körner erhalten, die er dem toten Vater unter die Zunge legte. Aus ihnen wuchs der Baum, aus dem das Holz für das Kreuz Christi geschlagen wurde, so daß der Baum der Erkenntnis, von dem die Frucht der Sünde gepflückt wurde, nun die Frucht der Erlösung trug. Fuglsang bemerkt zu Recht, daß in dieser Variante der Sibyllen-Legende die Bedeutung der beiden Bäume untrennbar miteinander vermischt sind. Das Kind wird als Erlöser in einer Vision gezeigt, die den Keim zur Erlösung bereits in sich trägt."
Der Verfasser kann sich nicht vorstellen, dass ein Handwerker solch ungewöhnliche Gedankengänge als Vorlage benutzte, um eine einfache Szene wie "ein Kind im Baum" zu schnitzen. Da diese Szene außerdem weder in der Bibel steht, noch zum Motto des Retabels (siehe unten) passt, verwirft der Verfasser diese Hypothese.

Zwei Männer mit goldenen Hüten in den Händen?
Golden waren sie ursprünglich nicht, denn alle Farben wurden erst 1656 aufgetragen. 16) Es können auch keine Hüte gewesen sein, denn der rechte Mann trägt schon eine Mütze mit Ohrenschützern. Somit können diese Objekte nur Schalen, Schüsseln oder Körbe darstellen. In der Bibel kann man exakt diese beiden Männer finden und zwar in 3. Mose 1, 2:
"Und die Söhne Aarons Nadab und Abihu nahmen ein jeglicher seinen Napf und taten Feuer darein und legten Räucherwerk darauf und brachten das fremde Feuer vor den Herrn, das er ihnen nicht geboten hatte. Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, daß sie starben vor dem Herrn."
Somit ist sicher, dass die Figuren 3, 5 und 6 Aaron mit seinen Söhnen darstellen sollen. Am Gürtel des linken Sohnes hängt eine kleine Dose. Der Verfasser vermutet darin Feuersteine, Zunder und Weihrauch für das Brandopfer. Aaron war der erste Hohepriester und seine Söhne die Gehilfen bei der Einrichtung der Stiftshütte.

Mirjam, die Frau links neben dem Baum
war die Schwester von Aaron und Moses. Sie legt ihre rechte Hand auf ein Buch, weshalb einige Forscher glauben, sie sei eine Sibylle. Diese Vermutung kommt der Auflösung ihrer Identität ziemlich nahe. Sibyllen waren nämlich vorchristliche Prophetinnen mit dem Attribut Schriftrolle, Buch bzw. "sibyllinische Bücher". In der Bibel gab es zwei Prophetinnen und zwar die Richterin Debora und Mirjam. Debora kann es nicht sein, weil sie immer unter einer Palme wohnte. 17)

Die Frau rechts unten mit dem Buch auf dem Schoß
könnte eine Sibylle sein, aber sie hält kein gewöhnliches Buch auf ihrem Schoß. Der Einband ist nämlich sehr aufwändig gestaltet. Es könnte ein Evangeliar sein. Die hl. Lioba wird als einzige Heilige mit einem Evangeliar abgebildet, weil sie eine sehr gebildete Frau war.

Die Frau links unten mit den langen Haaren und der Krone
kann nicht Maria sein. Ihr fehlt zum einen das Jesuskind, zum anderen müsste sie zentral in der Mitte sitzen, wo jetzt ein freier Platz ist. Ihr Attribut sind sehr lange Haare und eine Märtyrerkrone, was auf die hl. Agnes von Rom hindeutet. Agnes sollte als 12jährige gegen ihren Willen verheiratet werden. Da sie sich weigerte, wurde sie ausgezogen, um sie zu vergewaltigen. Wundersamerweise wuchsen ihr viele lange Haare, die ihre Blöße bedeckten. Ihr weiteres Schicksal war sehr grausam, weshalb sie eine Märtyrerkrone trägt.

Die fehlende Figur in der Mitte
könnte ein Erwachsener oder zwei Kinder gewesen sein. Jesus und Johannes kommen aber beide nicht in Frage, weil sie keine Verbindung zu Agnes und Lioba aufweisen. 18) Auf diesem Platz muss Maria mit Jesus auf dem Schoß gesessen haben. Dies ist ein Beispiel für "ein klassisches Motiv der christlichen Ikonographie, das die Jungfrau Maria inmitten weiterer jungfräulicher Heiliger zeigt. Zu diesen gehören die hll. Agnes, Katharina, Cäcilia, Barbara, Ursula, Lucia, Agatha, Apollonia, Lioba, Margareta und Dorothea." Diese Konstellation nannte man "Virgo inter virgines".
Warum fehlt die Marienfigur? Der Verfasser vermutet einen starken Holzwurmbefall 20), der es angeraten ließ, sie zu entfernen, damit nicht das ganze Retabel zerstört wird.

Jungfräulichkeit ist das Motto des Retabels
Agnes, Maria, Lioba und Mirjam waren Jungfrauen. "Im Mittelalter zählte man Aaron auch zu den Propheten und Kündern der Jungfräulichkeit Mariens. In der marianischen Symbolik war es besonders das Stabwunder Aarons 21), das man als Vorbild für die Jungfrauengeburt sah.Ò 22) Die Söhne Aarons waren von Gott hingerichtet worden, bevor sie eine Frau ãerkannten".

Die Texte in den Retabel-Flügeln stammen aus dem Hohelied und der Offenbarung und lassen keine Bezüge zum Retabel oder Predella erkennen. Sie wurden erst Mitte des 17. Jahrhunderts aufgemalt. 23)
Die namentliche Zuordnung der Figuren unten in der Predella (14 Nothelfer und eine weitere Heilige) sind in den Augen des Verfassers unstrittig.24)

Positionierung der Figuren im Retabel
Putto in Schirm-Akazie (1+2)
Nadab (3) Miriam (4) Aaron (5) Abihu (6)
Hl. Agnes (7) Maria + Jesuskind (8+9) Hl. Lioba (10)

Abbildungsnachweis
Abb. 1 und 2: Der Verfasser.
Abb. 3: http://view.stern.de/de/rubriken/natur/baum-afrika-kenia-schirmakazie-original-493324.html, der Fotograf: "aheri", war auch vom Betreiber der Internetseite auf Anfrage nicht zu ermitteln. Email vom 13.3.2019.

Anmerkungen
1) Bünsche, Bernd: Das Goschhof-Retabel in Schleswig. Ein Werk des Hans Brüggemann. Ludwig, Kiel 2005.
2) Bünsche S. 33.
3) Bünsche S. 41.
4) Bünsche S. 313.
5) Bünsche S. 248 f.
6) Siehe das Lied "Es ist ein Ros entsprungen .. aus Jesse kam die Art".
7) Sie kommt aus dem Ort Tibur bei Rom; heute heißt er Tivoli.
8) http://swbplus.bsz-bw.de/bsz118749390rez.htm, Ausgabe 6 (2006), Nr. 6.
9) Bünsche listet sechs verschiedene Deutungen von neun Autoren auf: Thaulow-Museum (1880), Heinrich Dose (1884), August Sach (1895), Walther Passarge (1911), Walther Scheffler (1938), Wolfgang Teuchert (1978), Horst Appuhn (1984), Hella Krause-Zimmer (1986) und Horst Slevogt (1995).
10) Das gilt auch für die Arbeit von Frieder Knüppel (2018): http://www.ferienhaus-oh.de/Goschhof.pdf: Jesuskind im Feigenbaum. Obere Reihe: Urija, Bathseba, König David, Jonatan. Vorne: Maria, gekreuzigter Jesus, Anna.
11) In seiner Schlußbetrachtung der Seiten 302-313 kommt Bünsche zu folgender Deutung: Der Baum ist eine Synthese aus Baum des Lebens, des Paradieses, des Kreuzes und Wurzel Jesse. Das Kind im Baum ist ein segnender Jesusknabe. Die Figuren oben: Joseph, Tiburtinische Sibylle, Kaiser Augustus und Joachim. Unten: Maria und Anna. Die fehlende Figur in der unteren Mitte soll ein 2. Jesusknabe gewesen sein. Insgesamt sind es neun Autoren, die zwei Jesusknaben im Retabel positionieren wollten.
12) http://view.stern.de/de/rubriken/natur/baum-afrika-kenia-schirmakazie-original-493324.html, der Fotograf: "aheri", war auch vom Betreiber der Internetseite auf Anfrage nicht zu ermitteln. Email vom 13.3.2019.
13) Einen Altar mit "Wurzel Jesse" kann man in Schleswig in der Kapelle des sog. Präsidentenklosters besichtigen.
14) Das Akazienholz zeichnet sich durch seine besonders hohe Widerstandskraft aus.
15) Richter, Jan Friedrich: Brüggemann. Berlin 2011, S. 42f.
16) Bünsche S. 119.
17) Richter (Altes Testament) 4, 4,5.
18) Es gibt ein Bild vom Retabel, das an Stelle der fehlenden Figur Johannes den Täufer auf Position 8 zeigt. Bünsche schreibt auf Seite 174 dazu, dass diese Figur nicht für das Retabel angefertigt wurde. Des Weiteren zeigt Bünsche auf Seite 27 ein freistehendes Kreuz auf Position 9. Auch dieses Kreuz kann nicht Teil des ursprünglichen Retabels gewesen sein, weil es wie Johannes in Position 8 keine Verbindung zu den Zapfenlöchern im Retabelschrein gibt.
19) https://de.wikipedia.org/wiki/Virgo_inter_virgines vom 15.3.2019.
20) Der Holzwurm ist die Larve des Gemeinen oder Gewöhnlichen Nagekäfers (Anobium punctatum).
21) 4. Mose 17, 16 bis 26.
22) https://de.wikipedia.org/wiki/Aaron_(biblische_Person) vom 12.3.2019.
23) Bünsche S. 239.
24) Bünsche S. 230.